Otto Beckmann „Freude am Madrigal“ (Textprobe)
Otto Beckmann
„Freude am Madrigal“
Ein Bühnenrätsel in einundzwanzig Bildern
Copyright: Otto Beckmann
otto.beckmann@web.de
Dramatis personae:
Carlo Gesualdo, italienischer Fürst und Komponist (1566-1613)
Natascha Schneider, studierte Musikerin, arbeitet als Stewardesse
Cyprian von Zitzewitz, Antiquitätenhändler
Guido, ein Motorsegelflieger
Leonora d’Este, Gesualdos zweite Ehefrau, Fürstin von Ferrara
Giovanni, Battista, Giancarlo, Diener und Gefolgsleute Gesualdos
Ein Mann und eine Frau, am Flugplatz der Segelflieger
Mandy, eine Kollegin von Natascha, ebenfalls Stewardesse
Optional: Flugpassagiere, weitere Stewardessen, ein Pater, ein Wirt in Ferrara, etc.
Zeit: 1596, 1613 und Gegenwart
1.BILD
(An Bord einer Passagiermaschine auf Interkontinentalflug. Es gibt leichte Turbulenzen.)
Natascha:
So, weg mit den Tabletts. Hoppsa, Luftloch! Wie solche Düsen wohl eigentlich funktionieren? Abartig. Da verbringt man sein halbes Leben im Flieger, weiß aber nicht warum er überhaupt fliegt. Das ist wie mit den Digitaluhren. Muß irgendwie so funktionieren, daß die Luft von vor der Düse, hinter die Düse gesaugt wird. Und so kommt das Flugzeug Düsenlänge um Düsenlänge weiter. Ob das den Himmel verändert? In der Luftzusammensetzung? Vielleicht gibt es in der Luft ja auch so was wie Plankton, Mikroorganismen und so. Die Frau mit dem vegetarischen Essen hat einen richtig schönen Opalanhänger um. Ob der echt ist? Kann mir nicht vorstellen, daß man so was fälschen kann. Durchsichtige Steine ja, Brillianten, Smaragde, Rubine, Saphire und die ganzen Halbedelsteine, da kann man die Farbe sicher reinmischen, aber diesen vielschichtigen Glitzer bei einem Opal? Was liest sie denn? Sicher was Esoterisches. Oder wieder so was über beschnittene Frauen in Afrika. Obwohl so sieht sie nicht aus. Der Herr auf 27d winkt schon wieder. Scheint Tomatensaft wirklich zu mögen. Was ist der höflich! Weiß schon daß ich keine Galeerensklavin bin, da braucht er mich nicht erst wie Lady Di zu behandeln. Strange. >Ob ich so liebenswürdig wäre, ihm noch einen Tomatensaft zu bringen wenn ich wieder vorbeikomme, Safttrinken sei das einzige was ihn beruhigt beim Fliegen, aber ohne Fliegen geht’s bei ihm beruflich eben leider nicht.< Wenn der jetzt glaubt, daß ich ihn frage was er macht, hat er sich geschnitten. Wahrscheinlich Schauspieler, prominent, und ich erkenn wieder mal keinen. Sieht ein bißchen aus wie Sean Connery. Irgendwie. Gott, wie das schon wieder juckt! Muß unbedingt was gegen diesen Pilz unternehmen, da wird man ja des Lebens nicht mehr froh. Morgen gleich in die Apotheke. Was heißt Pilz auf Englisch?.. -Mushroom, glaub´ ich. Schenkel zusammen und durch. So, noch einmal durch und dann erst mal in Ruhe eine (Ein Passagier hat einen Wunsch, was sie aus ihrem Gedanken reißt)
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„Die Süddeutsche, natürlich.“
An das Rauchverbot werde ich mich nie gewöhnen. Unmenschlich ist das. -Aua. Wenn ich versuche mal etwas breitbeiniger zu gehen, vielleicht juckt das dann weniger
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„Sellerie haben wir leider nicht, aber vielleicht Vodka und Pfeffer zum Tomatensa-?“ (Aufgrund eines weitern Luftloches macht sie eine ungeschickte Bewegung und stößt das Glas von Cyprians Klapptisch.)
Scheiße!
„Oh entschuldigen sie bitte, Moment, ich wisch das sofort wieder weg. Verzeihung.“
Cyprian
„Das macht doch nichts.“
Die gute Hose. Na, nach neun Stunden Flug wäre sie ohnedies nur mehr privat tragbar gewesen. Hab ja noch zwei andere Anzüge dabei. Hat einen sonderbaren Gang, die Gute. Ob sie Reiterin ist? Die gute Haltung ließe auch darauf schließen. Oder vielleicht als Kind Ballett. Ungeschickt zwar, aber süß. Vielleicht mal fragen ob sie reitet, damit ein Gespräch entsteht.
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„Danke, das geht schon, nur keine Umstände!“
Mein Gott, wie viele Wischtücher denn noch? Das Tischchen säubert sie, aber meine Hose... Wenn ich ein junger Spund von dreißig wäre, hätte sie da wohl weniger Hemmungen.
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„Antiquitäten. Ich handle mit Asiatica und habe mein Lager in Shanghai. Da muß ich schon zwei bis drei mal im Jahr runterfliegen, nach dem Rechten sehen. Wenn es sie interessiert- Hier ist meine Karte, besuchen sie mich im Lager, dann zeige ich ihnen ein paar schöne alte Sachen.“
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Warum sie sich jetzt auf einmal plötzlich für meinen Beruf interessiert?
Natascha
„Dankeschön, wenn ich morgen nicht zu kaputt bin komme ich gerne. Und noch mal Entschuldigung wegen der Hose.“
Hoffentlich hat Mandy das mit dem Saftverschütten nicht gecheckt. Hat mich ohnedies auf dem Kieker. CYPRIAN VON ZITZEWITZ, ASIATICA, BERLIN.., SHANGHAI 200050-. 1225 YAN AN ROAD (W).. Das ist ja gleich beim Hotel. Ein Antiquitätenhändler. Mal was anderes, bin nach der Fliegerei sowieso erschossen. Besser als bei Starbucks sitzen. Vielleicht schenkt er mir ja was. Diese chinesischen Lackkästchen sind immer so hübsch. Aua.
„Ihre Süddeutsche, bitte.“
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„Ja, Gin Tonic haben wir. Mit Eis?“
Natürlich mit Eis, ohne wäre ungenießbar. Doch, das ist gut, da kann ich ein bißchen relaxen und mir was Nettes erzählen lassen und abschalten. Unterhaltsam und höflich scheint er ja zu sein, da muß ich nicht groß Konversation machen, sondern kann mich einlullen lassen. Nachher noch ein Mai- Tai mit Marie, dann ist der Tag gut rum.
2.BILD
(1596 Ferrara. Das Schlafgemach von Gesualdo und seiner Gattin. Gesualdo schreckt aus einem Alptraum auf.)
Carlo Gesualdo
„Allmächtiger!“
Wird diese Tortur denn nie ein Ende finden? Die Morgendämmerung ist noch fern, selbst die Vögel schweigen noch, und mich treibt es schon wieder aus dem Bette. Die Laken schweißesnass. Wann endlich wird mir wieder friedlicher Schlaf beschieden sein? Ob ein Glas Wein meine Sinne beruhigen mag? Wenn nicht, so betäubt sie ein Zweites.
(Leonora erwacht als er sich aus dem Bett erhebt.)
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„Verzeiht Gemahlin, schlaft ruhig fort, gleich bin ich wieder bei euch.“
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„Wie? Ja, ein Traum, schlaft ruhig fort, ich hol mir nur einen Trunk, ich erzähl’s euch morgen.“
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„Nein, besser ist’s ihr ruht, nur beunruhigen würde euch der Spuk. S´ist nichts.“
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„Nun denn. Mir träumte, ich wär´ zuhause auf Gesualdo und fällte mit eignen Händen Holz rund um die Burg, doch nicht ruhigen Sinnes und mit stetigen Hieben, nein, wie im Fieber schlug meine Axt Baum um Baum, um von dem Holze, denk´ dir, wunderliche Idee, einen Turm zu bauen. Endlich gelangte ich an einen alten Hain, der mir von Kinderspielen schon vertraut und heute mir an heißen Tagen Schatten spendet. Ich frag´ mich im Traume noch, ob es wirklich mein Wunsch und Wille ist, ihn zu fällen, da liegt der ganze Hain schon vor mir, wie vom Sturme verwüstet. Schließlich gelange ich zu dem letzten, prächtigsten Baume von allen. Abermals will ich innehalten, doch wie von selbst führen meine Hände Streich um Streich. Mit aller Kraft schlage ich zu, doch dieser Baum ist nicht wie die vorigen. Er verwandelt sich mit jedem Hieb. Mit dem ersten Schlag, quillt mir ein Büschel blonden Haares entgegen, mit jedem weiteren Hiebe wuchs es. Alsbald blickte mir ein Auge aus dem Stamme entgegen, dann zwei, immer wütender wurden meine Hiebe. Ich höre meine eigene Stimme mir Einhalt gebieten, meine Muskeln brennen vor Schmerz, des Baumes Krone neigt sich und aus der Kerbe die ich schlug, reckt sich mir eine kleine Hand entgegen. Schlag um Schlag erkenn´ ich nun ein samtenes Kleidchen und die Gestalt die in ihm steckt: Ein Kind. Des alten Baumes Stamm ist nahezu entzwei, das Kind deutlich in ihm zu erkennen, doch meine Axt kommt nicht zur Ruh´, ich schlag, ich..ich.“
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„Ich bitt´ euch Weib, denkt euch nichts weiter. Ein wirrer Alb war es nur, der mich drückte weil wir so spät zu abend gegessen. Und weil ich mich zuvor mit Fontanelli noch über die Gärten unterhielt. Wahrscheinlich sprach ich zu ihm, von jenem Haine bei mir zu Haus und daher rührt des Traumes Inhalt.“
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„Nein, nein ich sagt dir’s doch, es hat nichts auf sich mit dem Träume. Gewiß kein Omen ist er, zu deuten die Zukunft des Kindes in deinem Leibe, gewiß nicht, nein. Dieses Kind, es war nicht das unsere, das weiß ich gewiß, es trug nicht deines Gesichtes Züge, noch trug es die meinen.
Doch denk dir: Gleich darauf befand ich mich hoch in den Wolken und glitt wie ein Greif im Sturzfluge auf die Erde hinab. Ich schwörs bei meinem Onkel dem Heiligen Barromeo, so unstet und nichtig sind unsere Träume, so wenig Grund wohnt ihnen inne. Erst war ich noch ein grober Gesell und fällte Holz von eigner Hand und gleich darauf, bin ich gar nur mehr ein Tier der Lüfte. Und? Siehst du einen Schnabel noch in meinem Antlitz? Nein. Also sei ruhigen Sinnes. Komm, ich laß uns beiden einen Trunk bereiten.“
3.BILD
(Guido sitzt in seinem Auto. Er fährt zum Flugplatz seines Segelflugvereines. Im Radio läuft „Highway Star“ von Deep Purple. Er singt mit.)
Guido der Motorsegelflieger
“Nobody gonna beat my car, I gonna race it to the ground, nobody gonna beat my car I gonna race it to the ground, oh it´s a killin machine it got everything like a dada dada and everything. Oh I love it, I need it, I clean it, yeah lalala, allright”
-Verkehrsmeldung –
Angefickte Scheiße! Da spieln die einmal ne korrekte Nummer und dann- Egal, im Tunnel ist sowieso gleich Schluß mit dem Empfang. Wenn heute wieder `ne Schlange von zehn Fliegern auf den Start wartet, kotz’ ich. Kaum scheint am Wochenende mal die Sonne, rücken sie an, die ganzen Schmeißfliegen. Während der Woche nie im Klub, keine Schraube anfassen, sich immer freikaufen, aber bei Schönwetter den großen Segelflieger raushängen lassen. Na mir kanns ja egal sein. Wie kommt denn jetzt der Kaffee auf das Hemd? – Die Waschmaschine! „Scheiße!“
Hab´ ich schon wieder vergessen den Abflußschlauch in die Badewanne...?- Schnell Trixi anrufen, wo ist denn das Scheiß-? (Sucht und findet sein Handy) – Hier.
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Was soll denn das nun heißen? < This number is currently not available> Die quatscht sicher wieder mit diesem Ron. Irre unterhaltsamer Typ. Mein Porsche hier, mein Porsche da. Unglaublich wie preiswert die Calvin Kleins in New York sind, kauf ich in Deutschland gar nicht mehr. Unglaublicher Trottel. Aus der Serie: Menschen mit denen man reden kann ohne eine Sekunde nachdenken zu müssen. Aber auf ihrer Wellenlänge. Gut zum Runterkommen. Eingebildeter Arschficker. Da hilft nur das Kriegsrecht. Verräter an der menschlichen Rasse gehören weggeräumt. Weg. Einfach weg. Besser für alle. Letztlich egal, ob so was lebt oder nicht. Wie’s bei allen letztlich egal ist. Aber bei ihm ganz besonders.
(Will sich einen Zigarillo anzünden)
<RAUCHEN VERURSACHT TÖDLICHEN LUNGENKREBS> Welcher Trottel von Nichtraucher schreibt so was auf Zigarillos? Was glaubt der denn, wie man so was auf Lunge rauchen soll? Kriegsrecht. Da hilft kein gutes Zureden mehr. Zwangseinweisung zum Abendkurs bei Dr. Marlboro. Vielleicht telefoniert sie gar nicht, sondern sie hat irgendwie so ausgeschaltet, daß die Mailbox nicht rangeht, damit sie nicht zurückrufen muß. Oder sie sitzen im Porsche, fahren durch einen Tunnel und sie hat wirklich keinen Empfang. Falls er sie fickt, merk ich das am Geruch, dann ist er dran. Oder am Geschmack. Billiges Flittchen.





