Otto Beckmann

 

Otto Beckmann „Die Müßiggänger“ (Auszug)

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XXIV AUßEN / BLUTSPENDEWAGEN / ABEND


Zwei Sandler kommen gerade aus dem Blutspendewagen heraus, einer davon zieht gerade eine Bierdose aus seiner Jacke und öffnet sie.


SANDLER 1:

Des is des, was i persönlich am Blutspenden am Besten find: Daß des Bier nachher richtig leiwand einfährt. (SANDLER 2 nickt.)


Sandler ab.

Vor dem Wagen unter einem Sonnenschirm, bzw. gut sichtbar im Eingangsbereich des Wagens, ist eine SCHWESTER (Mitte 40-50, mütterlich), um die Anmeldungen entgegen zu nehmen.

PAUL fährt mit seinem Fahrrad vor, grüßt die Schwester und nähert sich ihr auf einige Meter. Stumm macht er zu ihr ein „Ist-sie-drin?“-Zeichen. Die SCHWESTER weiß bescheid und schüttelt lächelnd den Kopf.


SCHWESTER:

Heute nicht. Aber probiers morgen wieder. Die vier Wochen sind schließlich um.


PAUL:

Haben Sie den Brief noch – für den Fall, daß ich sie verpasse...


Große Einstellung: Die SCHWESTER zieht aus einer blauen Mappe ein Kuvert hervor und hält es hoch.


SCHWESTER:

Er ist seit gestern nicht verloren gegangen.


PAUL dankt und fährt wieder ab.

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XXXII AUßEN / BLUTSPENDEWAGEN / TAG


Tag der Schauspielaufnahmeprüfung am Grazer Konservatorium. PAUL fährt auf dem Fahrrad sichtlich unter Zeitdruck zur Prüfung und zufällig am Blutspendewagen vorbei. Die am Empfang stehende SCHWESTER sieht PAUL und beginnt ihm wie wild zu winken, daß er schnell herkommen soll. PAUL bremst in einem Schleiferl und ist sofort bei ihr.


SCHWESTER (flüstert):

Sie kommen grad noch rechtzeitig. Sie ist schon drinnen.


Die SCHWESTER führt ihn in den Wagen zu einer freien Liege, auf der Nachbarliege ist bereits SUSANNE. Sie schreibt gerade ein Sms und hat PAUL bis jetzt nicht bemerkt.


PAUL:
Hallo.


SUSANNE (schaut kurz auf):

Hallo (schreibt weiter).


PAUL (ein winziges bißchen zu eingeübt):

So ein Zufall. Wir sind doch voriges Monat auch schon zugleich hier gewesen – Susanne?! Nicht?


SUSANNE:

Stimmt. Witzig, ich hätt’ dich jetzt gar nicht wieder erkannt.


Ihr Blick fällt auf PAULS linken Fuß. Die Schuhsohle ist ca. 7 cm dicker als die des rechten Schuhs, so als ob sein linkes Bein von Geburt verkürzt wäre.


SUSANNE (cont’d):

Was ist denn mit deinem Bein passiert, hattest du das das letzte Mal auch schon?


PAUL (lockerleicht):

Nein, nein, das ist nur für eine Rolle, ich hab das nur an, weil ich eigentlich gerade zum - ... also weil ich das brauche, um mich in meine Rolle richtig einzuleben. Um eins mit der Figur zu werden und so.


SUSANNE:

Ach ja, richtig, der Schauspieler. - Einfach so in eine andere Haut zu schlüpfen, stell ich mir spannend vor. Wen spielst du denn?


Die SCHWESTER hat PAUL an die Nadel angeschlossen und hat die ganze Zeit über zugehört und ist scheinbar zufrieden, daß so schnell ein Gespräch zustande gekommen ist.


PAUL:

Hermann Wurm aus Werner Schwabs „Volkvernichtung, oder meine Leber ist sinnlos“.


SUSANNE grinst ob des Titels, was PAUL ermutigt, weiter zu erzählen.


PAUL:
Der Hermann ist im Prinzip ein ganz normaler Typ, außer, daß er verkrüppelt ist und unbedingt Maler werden will. Aber seine Mutter hält ihn für unbegabt und eine Strafe Gottes.


PAUL redet sich in Begeisterung.


PAUL (cont’d):

Auf jeden Fall am Höhepunkt des Monologes rechnet er mit meiner Mutter ab und wünscht sich den Tag herbei, wo er ihr endlich „Ein Loch in den Kopf bohren kann, um seinen einsamen Lulu hineinstecken zu können“. Und sie flippt total aus. Aber das sieht man dann nicht mehr, weil ich’s ja ohne Anspielpartner mache.


SUSANNE ist etwas perplex und die SCHWESTER starrt ihn nur an.


SUSANNE:

Klingt – interessant. Und wie findet es deine Familie, daß du gerade Schauspieler werden willst?


PAUL:

Mein Vater findets Scheiße, aber den stimm ich schon noch irgendwie um. Und meine Mutter ist tot.


SUSANNE nickt, schaut auf ihren Blutbeutel, der voll ist.


SUSANNE (zur SCHWESTER):

Bin ich nicht schon fertig?


Die SCHWESTER kommt herbei, macht in SUSANNES totem Winkel eine Geste zu PAUL, daß er sich ranhalten soll und stochert mit dem Finger in die wirklich schon ziemlich volle Blutpackung.


SCHWESTER:

Na, ein winziges Bisserl geht noch rein.


PAUL (in Zeitdruck geraten):

Und was machst du so, wenn du nicht gerade Blut spendest? Ich hab dich sonst in der Stadt noch nie gesehen, in Lokalen und so. Was arbeitest du?


SUSANNE:

Rat mal. In deinem Metier muß man doch Menschenkenner sein, oder?


PAUL:

Ich würde sagen, irgendwas wo man viel rumkommt. Journalistin, Fotografin für eine Zeitung oder so was.


SUSANNE:
Ich bin Sekretärin in einer Anwaltskanzlei hier in Graz.


PAUL:

Echt wahr? (Stockt) Das stell ich mir - total interessant vor, mit all den Fällen und so.


Stille. SUSANNE schaut wieder zu ihrem – inzwischen prall gefüllten – Blutbeutel und wirft der SCHWESTER einen fragenden Blick zu. Stille.


SCHWESTER:

Jjja. Dann werd ich Sie mal wieder losmachen, gell? Essens doch noch ein paar Würstel zur Stärkung.


SUSANNE:

Na, danke, heut nicht. Ich muß weiter. Haben Sie meinen Blutbefund vom letzten Mal schon fertig?


SCHWESTER:

Ja, klar, wartens’, wo hab ich ihn denn?


Die SCHWESTER holt die blaue Mappe hervor, sucht unter B, findet SUSANNE BACHLEITNER, zieht ein weißes Kuvert hervor und schaut dabei auf.


SCHWESTER (cont’d):
Da ist er schon.


Die Kamera bleibt kurz auf der Mappe. Wir sehen, daß unter dem ersten Kuvert noch ein zweites war. Die SCHWESTER gibt SUSANNE das erste Kuvert, ohne das zweite bemerkt zu haben.


SUSANNE (zu Paul):

Ja, dann bis zum nächsten Mal, viel Glück. Wie war noch mal dein Name?


PAUL:

Paul.


SUSANNE:

Viel Glück, Paul.


SUSANNE geht aus dem Wagen in Richtung ihres Autos, öffnet das Kuvert, um auf dem Weg ihren Befund zu überfliegen. Sie bleibt sofort überrascht stehen. Sie liest und ihre Gesichtszüge beginnen sich zu öffnen. PAULS Brief, den ihr die SCHWESTER versehentlich ausgehändigt hat, ist mehrere Seiten lang eng handbeschrieben. Sie schaut über ihre Schulter zurück zum Wagen, dann wieder in den Brief.


Schnitt: BLUTSPENDEWAGEN / INNEN


PAUL:

Könnten Sie mich bitte wieder los machen, ich hab jetzt eigentlich Aufnahmeprüfung.




SCHWESTER (ärgerlich):

Du bleibst schön da, bis der Beutel voll ist, wie alle anderen auch. (zu sich) So was Patschertes.


SUSANNE kommt wieder herein, nimmt einen Kuli und Zettel vom Schreibpult, schreibt ihre Telefonnummer drauf und reicht sie dem verdutzten PAUL.


SUSANNE:
Samstag abend hätte ich Zeit. OK?


PAUL nickt mit weit aufgerissenen Augen.


SUSANNE (cont’d) (zur SCHWESTER):

Dürft ich jetzt trotzdem meine Befunde haben?


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LXXVI INNEN / KANZLEI / TAG


MAX steht im Aufzug zur Kanzlei und wirft einen Blick auf die Uhr. 7:55 h. Er prüft seinen Krawattenknoten, streicht sich ein, zwei widerspenstige Haarsträhnen aus der Stirn und wirft dabei einen Blick auf die seitliche Spiegelwand: Er ist ein perfekter Anwaltstyp geworden: Glatt, kantig und sauber. – Die Türe öffnet sich, er ist in seiner Etage. Er geht an seinen morgendlich drögen Arbeitskollegen vorüber, man grüßt sich, wirft den Computer an, trinkt Kaffee, öffnet Akten. MAX geht an ihnen vorüber und es ist ihm, als ob er all dies aus sehr großer Distanz wahrnehmen würde. Alles Gesprochene scheint merkwürdig fern. Er kommt an seinen aufgeräumten Platz, setzt sich und wirft einen Blick auf den Kalender. Der heutige Tag ist rot eingekreist, darunter steht „Praktikumsende“. MARTIN kommt an seinen Tisch und beugt sich jovial zu ihm herunter. MARTINS Kopf scheint unglaublich nahe, aber MAX versteht nicht, was er sagt (Ton verfremdet). MAX schaut MARTIN in die Augen, lächelt freundlich und nickt zu allem.


MARTIN:
Einen wunderschönen guten Morgen, Herr Kollege. Ich darf doch schon Herr Kollege sagen, oder bist du abergläubisch? Brauchst dich überhaupt nicht aufzuregen, du bist drinnen, das garantier ich dir.


MAX schaut ihn abwesend an, aus seinem Augenwinkel sieht er ein rosa Gasfeuerzeug, das auf seinem Schreibtisch liegt. Er greift danach.



MARTIN (cont’d.):

Was machen Frau und Kind? Jetzt müßt man’s doch eigentlich schon langsam strampeln spürn’...


MAX, nach wie vor benommen, hält das Feuerzeug direkt unter die Krawatte des vorgebeugten Martin. Er denkt: „Was wäre jetzt eigentlich, wenn ich die Krawatte anzünde?“ Wir hören dumpf das Geräusch des Zündrades am Feuerstein, MARTIN redet weiter und MAX lauscht. Als er bemerkt, daß die Spitze seiner Seidenkrawatte Feuer gefangen hat, wirft er einen ungläubigen Blick auf Max, bevor er brüllend durchs Büro rennt. Jetzt hört und sieht MAX wieder absolut klar. Er steht auf und geht zum Aufzug, dieser öffnet sich gerade und SUSANNE steht darin, sie will aussteigen. MAX steigt schnell ein, drückt die „Schließen“-Taste. In der sich schließenden Tür sieht man kurz den dampfenden MARTIN mit einem riesigen Brandloch, wo früher seine Krawatte war.


MARTIN (brüllt triumphierend):

Des wird dir das Genick brechen, du klanes Oaschloch.


Der Lift schließt sich, MAX sieht SUSANNE an, nimmt sie in den Arm und küßt sie.


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